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Wildschweine (Sus scrofa) als Ökosystemingenieure in verbrachten Kalkmagerrasen

Der Genfer Günsel (Ajuga genevensis) wird durch die Wühltätigkeit der Wild-
schweine (Sus scrofa) gefördert.

Prof. Dr. Thomas Fartmann

Kalkmagerrasen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Europas. Obwohl sie EU-weit gesetzlich geschützt sind, ist ihre Biodiversität vielerorts stark gefährdet. Eine der Hauptursachen dafür ist die Aufgabe der traditionellen Nutzung, in aller Regel Beweidung, die zu einem Rückgang charakteristischer Arten führt. Bereits frühere Arbeiten konnten nachweisen, dass Wildschweine (Sus scrofa) durch ihre Wühltätigkeit positive Auswirkungen auf die Biodiversität von Grünland-Ökosystemen haben können. So wurde in einer Studie (Scherer et al. 2025) gezeigt, dass Wildschwein-Wühlstellen eine wichtige Rolle für die Reproduktion des Ehrenpreis-Scheckenfalters (Melitaea aurelia) und des Goldenen Scheckenfalters (Euphydryas aurinia) in verbrachten Kalkmagerrasen spielen. Zwei aktuelle Untersuchungen haben sich mit den Auswirkungen dieser Wühltätigkeit auf deren Pflanzen- (van Leeuwen et al. 2025) und Heuschreckengemeinschaften (Tuinder et al. 2025) beschäftigt. Die untersuchten, seit mehr als 30 Jahren brachliegenden Kalkmagerrasen wiesen bereits deutliche Anzeichen einer floristischen Verarmung auf. Durch das Wühlen der Wildschweine wurden jedoch dominante Gräser zurückgedrängt und offene Bodenstellen geschaffen. Vom offenen Boden profitierten konkurrenzschwache, lichtliebende Pflanzenarten (siehe Abb.), die bei fortschreitender Sukzession sonst keine geeigneten Lebensbedingungen mehr vorfinden würden. Dazu zählten typische Magerrasenarten ebenso wie viele einjährige Arten, Ackerwildkräuter und Ruderalarten. Insgesamt erhöhten die Wühlstellen die Habitatheterogenität der Kalkmagerrasen. Gemäß den Studienergebnissen profitierten auch Heuschrecken von dem durch die Wühltätigkeit entstandenen Mosaik unterschiedlicher Sukzessionsstadien. Während Larven der zumeist wärmliebenden Kurzfühlerschrecken im Frühjahr v. a. in rohbodenreichen Wühlstellen zu finden waren, traten adulte Tiere im weiteren Jahresverlauf häufiger auch in dichteren Strukturen auf, die ausreichend Schutz vor Prädation boten. Langfühlerschrecken kamen überwiegend in älteren Wühlstellen oder ungestörten Bereichen der Kalkmagerrasen vor. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Wildschweine als Ökosystemingenieure einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt verbrachter Kalkmagerrasen leisten können. Obwohl eine traditionelle Nutzung für den Schutz der Biodiversität der mitteleuropäischen Kalkmagerrasen unerlässlich ist, sollte der Einfluss des Wildschweins und anderer wilder Herbivoren in der Naturschutzpraxis insbesondere dort berücksichtigt werden, wo eine Beweidung mit Nutztieren unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht realisierbar ist.

Scherer G., Streanga B., Fartmann T. (2025): Rare butterfly species vitally depend on soil disturbance by an ecosystem engineer in abandoned calcareous grasslands. Global Ecology and Conservation 58: e03451. DOI: 10.1016/j.gecco.2025.e03451

Tuinder Q.A., van Leeuwen B.O. et al. (2025): Impact of wild boar (Sus scrofa) rooting succession on grasshoppers (Orthoptera) in abandoned calcareous grasslands. Journal of Insect Conservation 29: e78. DOI: 10.1007/s10841-025-00715-2

van Leeuwen B.O., Tuinder Q.A. et al. (2025): Effects of wild boar (Sus scrofa) rooting on abandoned calcareous grassland in Hainich National Park, Germany. Global Ecology and Conservation 59: e03535. DOI: 10.1016/j.gecco.2025.e03535

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